Blog
OpenStreetMap: Was kann es, was will es?
Am Mittwoch abend hielt Frederik Ramm bei der Regionalgruppe Karlsruhe der GI einen Vortrag über OpenStreetMap: Auf dem Weg zu einer ‘freien’ Weltkarte, einem Projekt, das eine frei verfügbare Karte erstellen will, die jeder editieren kann, ähnlich dem Wiki-Prinzip.
Warum braucht man das, stellt sich vielleicht jemand die Frage? Es gibt doch Google Maps, Yahoo! Maps, usw? Im Prinzip ist der Name OpenStreetMap nicht ganz korrekt, da nicht nur Straßen abgebildet werden sollen, sondern auch Plätze, Grenzen, Fahrrad- und Fußwege, Eisenbahnstrecken und vieles mehr. Zudem sind die Kartendaten der großen Anbieter von zwei Firmen lizensiert, Tele Atlas und NAVTEQ, und sind somit nicht frei (frei wie in “freier Rede”) – das Verwenden eines Ausschnittes einer Karte ohne Erlaubnis führte schon öfter zu Abmahnungen. Zudem sind in den Karten dieser beiden Anbieter absichtlich Ungenauigkeiten eingebaut; damit überprüfen sie, ob jemand unberechtigterweise die Karte abgeschrieben/gezeichnet hat. Und veraltet bzw. unvollständig sind die Daten auch oft, das Paradebeispiel von OpenStreetMap ist die “Isle of Man”: In den Daten von Tele Atlas ist hier nur der Umriss der Insel zu sehen, bei OpenStreetMap sind wichtige Straßen, Flüsse und Wälder lokalisiert.
Wie kommt das Projekt, das in Großbritannien startete, an seine Daten? Zum größten Teil machen das Freiwillige in ihrer Freizeit: Sie fahren mit GPS-Geräten rum und zeichnen Trackpoints auf, die sie dann daheim am Bildschirm nachbearbeiten, in dem sie die Punkte zu Segmenten verbinden und die Straßen benennen bzw. Flüsse und Flächen markieren. Diese werden dann mit Tags versehen, bestehend aus key und value. Die Tags sind Freiform, allerdings hat man sich auf die wichtigsten Eigenschaften geeinigt, da die Renderer die Struktur vorgeben. Straßen z.B. erhalten das Tag “name = ...” und, im Falle einer Einbahnstraße, “oneway = true”. Allerdings kann man eben taggen, was man will, Die Trackpoints werden dann zum Rendern der Karte nicht mehr verwendet, bleiben aber in der Datenbank, u.a. um einen Beweis zu haben, das die Karte wirklich selbst erstellt wurde bzw. um vorhandene Daten mit seinen eigenen abzugleichen. Geeks ohne GPS-Gerät können die Software zum Rendern der Daten oder zur Ausgabe im Browser verbessern. In London gibt es Kooperationen mit Kurierdiensten, die GPS-Geräte mitführen und ihre Tracks dem Projekt zur Verfügung stellen. In den USA stellt die Regierung ihre TIGER-Daten zur Verfügung, diese bilden eine gute Grundlage, sind aber leider nicht ausreichend gut. Yahoo hat auch erlaubt, dass die Luft- (nicht die Straßen!)bilder abgezeichnet werden dürfen.
Derzeit gibt es etwa 70 Mio. Trackpoints weltweit, Deutschland ist bis auf strukturschwache Gegenden recht gut vertreten. Karlsruhe ist fast komplett, es fehlen noch kleinere Waldwege. Die Abdeckung Großbritanniens ist besser, da das Projekt dort startete.
Die Technik dahinter besteht aus einer MySQL-Datenbank mit einer Rails-API, die natürlich eine Datenabfragebegrenzung hat (“gibt mir mal alle Daten” ist auch nicht unbedingt sinnig). Es gibt einen Flash-Editor Potlatch, mit dem direkt über die Rails-API kommuniziert werden kann. Des weiteren gibt es Renderer für zu Hause, die Google Tiles ausgeben (wie man es von Google Maps gewohnt ist). Zudem gibt es einen wöchentlichen “Planet Dump” der Daten ohne Historie.
Die gesammelten Daten und gerenderten Karten stehen unter der Creative Commons ShareAlike 2.0-Lizenz, was einerseits gut ist, da jeder die Daten verwenden darf, solange er sagt, wo er sie her hat und unter den gleichen Bedingungen weitergibt. Andererseits ist diese mit der GNU-FDL-Lizenz nicht vereinbar, was schade ist, da viele Autoren ähnlicher Projekte natürlich gleiches Anliegen haben.
Die Commnunity dahinter, gern auch als “Unlimeted free labour” bezeichnet, ist recht wichtig. Die Software zum Rendern kann immer noch verbessert werden, aber die Daten sind erstmal wichtiger. Die “Datensammler” machen aus unterschiedlichen Gründen mit: Suchpotential, um es den “Großen” zu zeigen oder einfach als Ausrede, mal an die frische Luft zu kommen! Und es werden immer mehr, die Kurve der Anmeldungen wächst exponentiell.
Derzeitige Probleme sind vor allem die mangelnde Rechtssicherheit: Was alles ist “derived Work”? Wenn jemand einen Kartenausschnitt auf seine Website stellt, muss dann die komplette Website unter CC gestellt werden? Ein Fernsehsender wollte eine Karte von Badgad einblenden, hat sich aber letztendlich nicht getraut, weil sie die Risiken nicht abschätzen konnten.
Ein Weiteres Problem ist das zu einfache Datenmodell (im Vergleich zu den zwei großen Anbietern): Abbiegevorschriften und streckenweise Restriktionen (z.B. nur ein Teil einer Straße ist Fußgängerzone oder Einbahnstrße) sind schwer dazustellen, Objektgruppierungen sind nicht möglich.
Allerdings zeigt das Projekt ebenso gut, was mit verteilter Arbeit möglich ist, eine erste Software zum Routenberechnung ist vor ein paar Wochen von einem Holländer präsentiert worden, was bisher kaum für möglich gehalten wurde. Und wer in nächster Zeit einen Karstenausschnitt braucht, sollte mal bei OpenStreetMap vorbeischauen, ob er dort fündig wird :)
Nachtrag: Wer es lieber als Video erklärt bekommen will: NetzpolitikTV: Das Open Street Map – Projekt.
2 Kommentare bisher
Ich bin OpenStreetMap involviert und arbeite aktiv daran im Raum Stuttgart eine bessere Abdeckung zu erreichen.
Ich schätze das potential hinter OSM sehr hoch ein und hoffe, dass freies Kartenmaterial noch mehr “Absatz” finden wird.
Kommentare geschlossen.
#1 – Fred – Jun 29, 01:33
Ah, danke für die Beschreibung. Ich kannte das Projekt bis dato nicht.Einen Einblick, wie kompliziert das so werden kann mit den Karteninformationen, habe ich mir aber schon einmal in einer Vorlesung über GIS (Geographic information systems) geholt; das Potential ist groß, aber gerade Einschränkungen wie oben beschrieben können im Einzelfall sehr große Probleme bereiten (falsch herum in eine Einbahnstraße geschickt werden? Nicht so toll.)